Es war der 17. Oktober 2022, als Bundeskanzler Olaf Scholz per Richtlinienkompetenz den monatelangen Streit in der Ampel-Koalition beendete.4 Die letzten drei AKW – Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland – sollten nicht wie geplant Ende 2022 vom Netz, sondern bis zum 15. April 2023 weiterlaufen.5 Ein Machtwort, das wie ein Eingeständnis klang: Ohne Atomkraft bricht in Deutschland alles zusammen.
Davor gab es wochenlange Debatten. Die FDP forderte Laufzeiten bis 2024, Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) haderte mit einer Notreserve, und in Talkshows malten Experten Horrorszenarien an die Wand. „Im Winter gehen die Lichter aus“, „Wir werden Kohle wie im 19. Jahrhundert verstromen“, „Das Netz ist nicht stabil genug“. Gleichzeitig aktivierte Habeck Braunkohlekraftwerke aus der Reserve – eine weitere Entscheidung, die als Beleg für die drohende Versorgungskrise gesehen wurde.6
Was dann tatsächlich passierte
Am 15. April 2023 gingen die letzten drei Atommeiler vom Netz.5 Die Propheten des Untergangs warteten auf den großen Knall. Er kam nicht.
Stattdessen zeigt die Bilanz des Jahres 2024 ein Bild, das die damaligen Befürchtungen als das entlarvt, was sie waren: German Angst pur.
Die Netzstabilität erreichte ein Rekordhoch. Die durchschnittliche Stromausfallzeit pro Haushalt (SAIDI-Wert) lag 2024 bei 11,7 Minuten – der beste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen.7 Zum Vergleich: 2023 lag der Wert bei 12,8 Minuten.7 Der Atomausstieg hat die Zuverlässigkeit nicht verschlechtert, sondern sie blieb sehr hoch.7
Die Kohleverstromung sank drastisch. Im ersten Jahr ohne Atomkraft ging die fossile Stromerzeugung in Deutschland um 26 Prozent in absoluten Zahlen zurück – ein Minus von 54,2 Terawattstunden.8 Die aktivierten Braunkohlereserven wurden kaum gebraucht. Stattdessen sank der Kohlestrom-Anteil auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten.8
Die Erneuerbaren sprangen in die Bresche. Der Anteil Ökostroms an der Nettostromerzeugung erreichte 2024 mit 58,8 Prozent einen neuen Höchststand.9 Wind und Sonne lieferten zuverlässiger als viele Prognosen es vorhergesagt hatten.
Was bedeutet das für die Debatte von damals?
Rückblickend wirken die politischen Zitterpartien von 2022 wie ein Stück deutscher Befindlichkeit, das mit der Realität wenig zu tun hatte. Der Streit um AKW-Laufzeitverlängerungen, die Aktivierung von Kohlereserven, die nächtlichen Sondersitzungen – all das geschah in einer Atmosphäre der akuten Krisenwahrnehmung, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die Sorge vor einem Gas-Lieferstopp.
Doch die Fakten sind eindeutig: Das deutsche Stromnetz gehört weiterhin zu den drei sichersten der Welt (nur Südkorea und die Schweiz liegen vergleichbar gut).10 Die Abschaltung der Kernkraftwerke hat keine Versorgungslücke gerissen.7 Und die befürchtete Renaissance der Kohle blieb aus – im Gegenteil.8
Die „German Angst“ vor dem Atomausstieg war ein psychologisches Phänomen, kein technisches. Sie nährte sich aus dem Unbehagen gegenüber Veränderung, aus berechtigten Sorgen um die Energiesicherheit im Winter 2022/23 – und aus einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Zuverlässigkeit erneuerbarer Energien.
Ein Fazit zum Schmunzeln
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre: Deutschland hat nicht nur eines der sichersten Stromnetze der Welt, sondern auch eine der ängstlichsten energiepolitischen Debatten.10 Während in anderen Ländern stundenlange Stromausfälle zum Alltag gehören, diskutieren wir hier über hypothetische Blackouts, die nie eintreten.11
Die Abschaltung von Isar II, Neckarwestheim II und Emsland war kein Risiko – sie war ein Erfolg.7 Und das Beste daran: Die nächste große Debatte kommt bestimmt. Vielleicht diesmal ohne Weltuntergangsszenarien.
- Die Debatte über Versorgungssicherheit und Kernenergie war 2021/2022 zentral in der deutschen Energiepolitik. Tagesschau Grüne Bundestag
- Warnungen vor Blackout, Gas-Notstand und einem stärkeren Kohleeinsatz prägten die Debatte im Zuge der Energiekrise. Tagesschau
- Nach der Abschaltung der letzten AKW blieb die Stromversorgung stabil; die große Ausfallkrise trat nicht ein. Tagesschau Faktenfinder DIW
- Olaf Scholz entschied am 17. Oktober 2022, die drei AKW über Ende 2022 hinaus bis Mitte April 2023 weiterlaufen zu lassen. Tagesschau
- Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland gingen am 15. April 2023 vom Netz. ZEIT
- Zur kurzfristigen Aktivierung von Braunkohle-Reserven und der energiepolitischen Krisenlage 2022/23. Tagesschau
- Die Bundesnetzagentur meldete für 2024 eine durchschnittliche Nichtverfügbarkeit von 11,7 Minuten je Letztverbraucher; 2023 waren es 12,8 Minuten. Bundesnetzagentur
- Fraunhofer ISE nennt für 2024 weiter sinkende Kohleanteile; im Textauszug werden für Braunkohle 71,1 TWh und für Steinkohle 24,2 TWh ausgewiesen. Fraunhofer ISE
- Der Anteil erneuerbarer Energien an der öffentlichen Nettostromerzeugung lag 2024 bei 62,7 Prozent. Fraunhofer ISE
- Die Einordnung „zu den drei sichersten der Welt“ stammt aus älteren VDE-/CEER- beziehungsweise Branchenangaben; für eine harte globale Rangliste ist die Methodik nicht einheitlich, deshalb sollte die Formulierung mit Vorsicht verwendet werden. heise/VDE Clean Energy Wire
- Im europäischen Vergleich zählt Deutschlands Netz weiterhin zu den zuverlässigsten, Ausfälle im Alltag sind sehr selten. Bundesnetzagentur Clean Energy Wire

