Wut

Manchmal möchte ich meine Wut einfach nur hinausschreien.

Manchmal möchte ich meinen Hass auf eine Gesellschaft, die immer törichter wird, einfach nur hinausschreien. Es ist nicht so, dass ich Hass genießen würde, aber manche Dinge müssen einfach ausgesprochen werden – und wenn wir sie nicht mehr aussprechen dürfen, dann ist das ein echtes Versagen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein Bundeskanzler in Brüssel dafür kämpft, das Aus für den Verbrennungsmotor aufzuweichen, und damit in Kauf nimmt, dass der Verkehr beim Klimaschutz weiter hinterherhinkt.1 Wir leben in einer Gesellschaft, in der Armut sich verfestigt, während eine „Reform“ Menschen am Existenzminimum mit härteren Sanktionen und Vermögensprüfung überzieht – versprochen als Milliardenersparnis, und übrig bleiben laut Gesetzentwurf 86 Millionen Euro für 2026, dafür mehr Verwaltung.2 Wir leben in einer Gesellschaft, die im Namen der Geldwäschebekämpfung ehrenamtliche Vereine ohne steuerliche Anerkennung wie Unternehmen mit Gebühren für das Transparenzregister belastet und ihre Konten sperrt, sodass ein Verein mit ein paar hundert Euro weder Spenden annehmen noch auszahlen kann – während es niemanden zu stören scheint, wie Milliardäre auf legale Weise Vermögen aus dem Staat abziehen.3 Wir leben in einer Gesellschaft, in der junge Menschen geradezu schreien, dass ihre Zukunft zerstört wird, während Landwirte – oft Besitzer von Land und Hof im Wert von Hunderttausenden, aber mit knappem laufendem Einkommen – lautstark den Erhalt ihrer Dieselsubventionen fordern, die ab 2026 wieder vollständig gezahlt werden.4

Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Mittelschicht mit ordentlichem Einkommen einen medialen Aufruhr wegen Kürzungen beim Elterngeld veranstaltet, während über zwei Millionen Kinder in Familien aufwachsen, die als armutsgefährdet gelten – und für die diese Debatte ein Luxusproblem ist.5 Wir leben in einer Gesellschaft, die Armut mit einem bundesweiten Maßstab misst und sich dann wundert, wie gut Bayern dasteht, während in München nach der Miete kaum etwas bleibt.6 Wir leben in einer Gesellschaft, die über hohe Mieten klagt, den Armen aber die wirtschaftliche Freiheit verwehrt, in günstigere Gegenden zu ziehen – denn in der Realität besitzen sie diese Freiheit gar nicht.

Wir leben in einer Gesellschaft, die bereit ist, für eine neue Autobahn Wälder abzuholzen, es aber nicht schafft, die Bahnstrecken zum Brenner-Basistunnel auszubauen.7 Wir leben in einer Gesellschaft, die stolz auf Öl- und Gasheizungen ist, während sie Wärmepumpen verteufelt, als wären sie das Werk des Teufels. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Vorschriften zu Einspeisung und Eigenverbrauch kleinen Betreibern das Leben schwer machen, während Netzbetreiber ihre Anlagen bei Engpässen abregeln dürfen – und für neue Anlagen unter 100 kW gilt bis zum Einbau intelligenter Messtechnik eine Einspeisebegrenzung auf 60 Prozent.8 Wir leben in einer Gesellschaft, die große Konzerne schützt, während sie kleine Unternehmen unter der Last bürokratischer Vorschriften erdrückt – und so weiter, und so fort.

Und dann steht ein Kanzler auf einem Parteitag und redet von Gerechtigkeit – vor einem Land, in dem Millionen das Gegenteil jeden Tag erfahren: am Monatsende, im Amt, am Schalter, beim Vermieter. Man möchte kotzen. Man möchte Galle spucken. Und wer das tut, hat recht.

Hier geht es nicht um „Emotionen“. Es handelt sich um eine Auflistung. Hinter jedem Punkt steckt ein konkreter Mechanismus, es gibt spezifische Profiteure und Akteure, die die Kosten tragen. Die Frage ist daher nicht mehr: „Stimmt das?“, sondern: „Warum hat das bisher niemand klar ausgesprochen?“

Denn Schweigen hat seinen Preis. Wer diese Ungleichgewichte zwar spürt, aber nicht über die Worte verfügt, um sie zu benennen, wird nicht einfach verstummen, nur weil das Establishment ihn als „rein emotional“ abtut. Stattdessen werden sich diese Menschen jenen zuwenden, die bereit sind, Klartext zu reden – selbst wenn deren Aussagen auf Hass basieren und dieser Weg in ein „Trojanisches Pferd“ führt. Berechtigten Zorn pauschal als „Populismus“ abzustempeln, ist der folgenschwerste Fehler, den das politische Establishment der Mitte begehen kann.

Und deshalb ein Satz, so laut wie alles davor: Das ist kein Grund, die AfD zu wählen. Die Partei, die sich als Stimme der Abgehängten inszeniert, hat im Bundestag bemängelt, dass die Grundsicherungsreform zu wenig einspart.9 Das ist keine Antwort auf die Schieflage, das ist ihre Fortsetzung mit anderem Absender. Die Rattenfänger an den Rändern machen sich auf, genau diese Missstände auszubeuten – und werden sie nicht lösen, weil ein Geschäftsmodell mit der Wut keinen Grund hat, sie zu beenden.

Es geht gerade um verdammt viel. Die Probleme nicht zu benennen ist keine Lösung, und sie den Falschen zu überlassen auch nicht. Also: Benennt sie. Laut, mit Belegen, ohne Entschuldigung. Und nehmt die Wut mit – aber nicht dorthin, wo sie benutzt wird.


Fußnoten

  1. Bundesregierung und Frankreich haben sich im Oktober 2026 auf eine gemeinsame Position verständigt: Ab 2035 sollen Hersteller ihre Flottenemissionen nur noch um 90 statt 100 Prozent senken müssen, ohne die verbleibenden zehn Prozent zu kompensieren. Kanzler Merz sagte in Brüssel: „Das Verbrenner-Aus ist dann damit Geschichte.“ Beschlossenes EU-Recht ist das noch nicht; bis zu einer Einigung gilt die 100-Prozent-Vorgabe. Quellen: Berliner Zeitung; Deutsche Handwerks Zeitung (dpa); MS Aktuell. ↩
  2. Der Haushaltsausschuss des Bundestags weist für die Grundsicherungsreform Minderausgaben von 86 Millionen Euro (2026) und 70 Millionen Euro (2027) aus; für 2028 und 2029 werden geringfügige Mehrausgaben von 11 und 9 Millionen Euro erwartet. Die Reform verschärft die Sanktionen und streicht die Karenzzeit für die Schonung von Vermögen. Das Arbeitsministerium weist darauf hin, dass diese Zahlen nur direkte Maßnahmen erfassen; 100.000 Leistungsberechtigte weniger würden rund 850 Millionen Euro pro Jahr bringen. Quellen: Bundestag, Drucksache 21/4523; Heidelberg24; ZDFheute; Berliner Zeitung. ↩
  3. Von der Gebühr für die Führung des Transparenzregisters sind Vereinigungen befreit, deren steuerbegünstigte Zwecke sich aus dem Zuwendungsempfängerregister ergeben (§ 24 GwG). Vereine ohne steuerliche Anerkennung der Gemeinnützigkeit fallen nicht unter diese Befreiung. Quellen: § 24 GwG; FGS: Transparenzregister und gemeinnützige Organisationen. ↩
  4. Seit dem 1. Januar 2026 gilt wieder die volle Agrardieselrückvergütung von 21,48 Cent pro Liter. Sie entlastet die Betriebe mit rund 430 Millionen Euro jährlich, im Durchschnitt mit etwa 2.790 Euro pro Betrieb. Quelle: top agrar. ↩
  5. Das Statistische Bundesamt nennt für das Jahr 2024 rund 2,2 Millionen armutsgefährdete Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, etwa 15 Prozent. Eine andere Auswertung kam für 2021 auf 20,8 Prozent. Die Armutsgefährdungsquote misst relative Einkommensarmut (weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens). Quellen: Destatis-Meldung (DWN, 17.11.2025); ZDFheute; epd/Sonntagsblatt. ↩
  6. Länderquoten arbeiten meist mit einer bundesweiten Armutsgrenze ohne Preisbereinigung. Berücksichtigt man regionale Preisunterschiede (Kaufkraftarmut), verschieben sich die Brennpunkte in die größeren Städte, und der Ost-West-Unterschied schrumpft; Bayern bleibt auch dann vorn. Quellen: IW Köln; ifo Dresden. ↩
  7. Der Brenner-Basistunnel geht nach Angaben der Betreibergesellschaft erst 2034 statt 2032 in Betrieb; die Kosten steigen von 10,5 auf 11,7 Milliarden Euro, die Gründe liegen nicht bei der Deutschen Bahn. Für den deutschen Zulauf plant die Bahn knapp neun Milliarden Euro, im ungünstigen Fall deutlich mehr. Quellen: Stuttgarter Zeitung (dpa); dpa/Infranken, 6.7.2026. ↩
  8. Seit dem Solarspitzengesetz (in Kraft seit 25. Februar 2025) dürfen neue Photovoltaikanlagen unter 100 kW, die noch kein intelligentes Messsystem haben, nur 60 Prozent ihrer installierten Leistung einspeisen; Anlagen in der Direktvermarktung sind ausgenommen. Die Regel begrenzt die Einspeisung, nicht die Erzeugung. Netzbetreiber dürfen Anlagen bei Engpässen nach § 9 EEG regeln. Quellen: top agrar; ista. ↩
  9. In einem Änderungsantrag von AfD-Abgeordneten zum Gesetzentwurf zur Grundsicherung wird bemängelt, dass durch die Reform von 2026 bis 2029 lediglich 136 Millionen Euro gespart würden. Quelle: Bundestag, Drucksache 21/4525. ↩

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