Von der gemeinsamen Sache

Die Bücher über die Gesellschaft und die Polis und Politik sind zahlreich. Es ist wie mit dem Wirtschaften und der Volks- und der Betriebswirtschaft, es gibt ein paar gute Rezepte, allerdings niemand weiß wirklich wie es funktioniert. Das einzige was der Mensch nicht kann, ist letztlich außerhalb des Menschen sich von außen zu beobachten. Jeder von uns ist ein Teil dieser Menschheit und kann nicht aus seiner Haut. Es ist also letztlich ein leichtes die außermenschlichen Gegenstände zu untersuchen und zu erforschen. Ja selbst der rein materielle Teil von uns, ist uns leichter zugänglich als die gesamte Interaktion aller unserer Teile. Der einzige Grund, warum dieser Text nicht in englisch, russisch oder sonst einer Sprache geschrieben ist, ist, weil diese Sprache meine Muttersprache ist. Die Sprache prägt aber mein Denken. Damit sind meine Gedanken unter Umständen nicht übersetzbar. Aber schon den Gedankenaustausch verweigern wir, weil wir politisch wohl der Meinung sind, dass Sprachwissenschaften nicht die gleiche Wertigkeit besitzen, wie eine Kampfdrohne zu entwickeln. Der Mensch, der dann der Kampfdrohne begegnet, muss also sterben, weil wir nicht bereit sind in den Dialog zu investieren. So sehr wir uns also von Außen systembedingt nicht untersuchen können, so sehr sind wir gemeinsam verbunden. Das was uns von der Welt trennt, ist das was uns miteinander verbindet. Es gibt eine gemeinsame Sache eine res publica. Doch offensichtlich können wir nicht einen Standpunkt einnehmen. Jeder einzelne von uns ist letztlich auf seinem Standpunkt. Die Menge mag zwar eine sein, aber die einzelnen Punkte in der Menge sind eben verschieden. Selbst in der engsten Beziehung untereinander stimmen wir niemals vollständig mit dem anderen überein. Die Gründe dafür mögen die unterschiedlichsten Ursachen haben und sei es auch nur der unterschiedliche Geburtszeitpunkt eineiiger Zwillinge. Selbst wenn der genetische Code identisch ist, werden sich die Menschen nicht gleichen und den gleichen Standpunkt einnehmen können. Alle Standpunkte haben zunächst einmal das gleiche Recht, aber sie sind niemals gleich. Wir alle sind viel zu verschieden, als dass wir wirklich übereinstimmen könnten.
Diese grundlegend vorhandene Differenz führt, wenn wir uns eben ausdifferenzieren, nicht nur zu unterschiedlichen Sprachen sondern leider eben auch häufig genug in der Geschichte der Menschheit zu Krieg und Auslöschung. Die Vernichtung anderer Spezies mag da vielleicht noch hingenommen werden, wobei wir noch nicht einmal wissen, was wir jeweils damit anrichten und uns letztlich nicht doch den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Wir handeln. Selbst wenn wir nicht handeln, also unterlassen, dann handeln wir im politischen Sinne. Die meisten Bürger in einem Gemeinwesen wissen nicht, dass sie tagtäglich Politik betreiben, da sie meinen unpolitisch zu sein und nur ihrer Arbeit nachgehen würden. Sie bilden sich ein, was Politiker machen, sei die Politik. Tatsächlich aber ist es unserer aller Sache. Jeder ist Gegenstand der Politik, weil jeder ein Teil des Sozialen ist. Die Verbindlichkeit aller in dieser gemeinsamen Sache verbunden, kann sich nur dadurch herstellen, dass auch diejenigen, die sich scheinbar nicht beteiligen und es somit durch ihr eigenes aktives Handeln nicht in das Geschehen einzugreifen, dass sie durch diese Unterlassung den Mächtigen und den Machern zustimmen. Wenn diese Unterlasser dann in der Eckkneipe über “die da oben” motzen oder “die da oben” für schuldig erklären und jene Nichtwähler sagen, dass “man” eh nichts ändern könnte, dann ändern sie eben nichts. Auch diese Art des Handelns ist ein Handeln im politischen Sinne. Politische Macht kann nur dort entstehen, wo sie zugelassen wird und sei es durch Unterlassung. In der internationalen Politik kommen noch die unterschiedlichen Sozialisationen hinzu, so wie jeder einzelne Mensch in einem Staat mit einer Sprache noch einen gemeinsamen Grundkonsens in der eigenen Kultur hat, sind die unterschiedlichen Kulturen nochmal eine trennende Basis. Zamenhof schuf Esperanto aus durchaus politisch nachvollziehbaren Gründen. Aber selbst diese Sprachschöpfung ist durch die politische Macht alter Zeiten geprägt, da das römische Weltreich hierin seinen Niederschlag findet “Als 1914 eine jüdische Esperanto-Vereinigung gegründet werden sollte, antwortete Zamenhof ablehnend: Jeder Nationalismus bringe Schlechtes, daher diene er seinem unglücklichen Volk am besten, wenn er die absolute Gerechtigkeit unter den Menschen anstrebt.” [B]  Angesichts solcher Gedanken vor dem ersten und zweiten Weltkrieg ist es eigentlich schwer verständlich, wie es überhaupt zu den Katastrophen kommen konnte, die dann kamen. Das Handeln insbesondere politische Handeln steht auf keinem soliden Fundament. Es scheint egal was Rousseau oder Voltaire schrieben. Genauso befürchte ich, dass es egal ist, was Wittgenstein oder Popper schrieben oder Adorno oder Max Weber. Selbst wenn Angela Merkel oder Ursula von der Leyen solche Schriften gelesen haben mögen, letztlich sieht das Handeln nicht danach aus, dass die Grundlagen wirklich gesetzt sind. Ob man es nun Haskala, Aufklärung oder meinetwegen auch christliche Nächstenliebe nennt, es scheint keine Politik zu geben, die sich jemals danach ausgerichtet hätte.
Jeder Gedanke scheint schon gedacht zu sein und jede Handlung liegt irgendwo zwischen dem sokratischen Schierlingsbecher und dem cäsarischen gallischen Kriege. Zweifellos sind wir derzeit dem Kriege mit dem Bau von Drohnen näher als dass wir die schwarze Milch der Frühe trinken. Wolfgang Petersen meinte in einer Dokumentation zu amerikanischen Todeszellen, dass er als Deutscher nicht berechtigt sei, den Amerikaner zu belehren. Welche Schuld meint er denn als 4 jähriger 1945 noch gehabt zu haben? Wir passen uns also einer kriegerischen Politik mit Drohnenbau an, weil wir die anderen als moralisch überlegen betrachten? Die gemeinsame Sache ist das soziale Handeln, das auf Entscheidungen und Steuerungsmechanismen ausgerichtet ist, die allgemein verbindlich sind und das Zusammenleben von Menschen regeln.  [C]

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