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Die andere Seite der Medaille

Katrin Hilger schrieb einen an sich guten Artikel „Warum das Problem mit der AFD hausgemacht ist“

„Ich behaupte, nicht die Flüchtlinge haben die Deutschen so fuchtig gemacht, sondern die Lügen und der Aktionismus drumrum.“ das mag zum Teil stimmen und ist sicherlich auch ein Teil der Wahrheit. Als die Flüchtlingskrise begann war ich im Urlaub und bewusst offline ausserdem war ich im Ausland. Als ich zurückkam, kam ich in ein geteiltes Land zurück.

Da war die euphorische Münchner Willkommenskultur im Gegensatz zu der panischen Wirwerdenüberranntkultur. Auf Twitter äusserte ich dann „Und auch die übertriebene Fremdenliebe ist nur die andere Medaille des Rassismus. Beide Seiten reagieren auf ihre Weise rassistisch.“

Zunächst gibt es mehrere Strömungen, die dieses Phänomen verursachen. Da wäre auch natürlich der schon lange in Europa beheimatete Exotismus zu benennen.

Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland noch das Phänomen des guten Deutschen. Das ist eine spezielle psychische Strömung in Deutschland, die sich in Abgrenzung zu den Gräuel des dritten Reiches entwickelt hat. Die Judenvernichtung und Judenverfolgung im dritten Reich führte nach 1945 dazu, dass niemand etwas damit zu tun haben wollte. Und mit niemand war wirklich niemand zu verstehen. Der Witz, das Kaltenbrunner Adolf gezwungen hätte, kam da nicht von ungefähr.

Ähnlich wie bei den Stasiopfern ging aber die Republik weiter und das teilweise mit dem gleichen Personal. Jedoch und das kann man durchaus mit dem Regimewechsel in der DDR zur BRD vergleichen, die Beamtenpensionen wurden auch den Altnazis gezahlt wie den Altstasis, wohingegen die Opfer teilweise bis heute auf Entschädigung warten. Wer glaubt, das sich Menschen von 1945 bis 1950 plötzlich so fundamental geändert hätten, der muss schon sehr naiv sein. Aber klar war auch, dass die Mehrheit jetzt zu den Guten gehören wollte. Zwar gab es auch echte Widerständler wie Willy Brandt, die nach oben kamen, aber die Republik war in ihrer Anfangszeit durchaus naziverseucht. Eine Stelle behalten konnte aber nur, wer sich gewandelt hatte. Der gute Deutsche unterstützte selbstverständlich Israel. Die Kinder wurden auch in dieser Richtung erzogen und über die Vergangenheit sprach man nicht. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass 1968 dann auch die Studentengeneration entstand, die gegen den Muff unter den Talaren aus 1000 Jahren rebellierte.

Das Gutsein entstand hier nicht durch eine Aufarbeitung des Bösen, sondern eher in der Abwendung vom Bösen und einem schlechten Gewissen eines ertappten Verbrechers. Hierbei wurde von Teilen noch nicht einmal die Tat bereut, sondern dass man dabei erwischt wurde. Und wie tief das sitzt, habe ich an dem latenten Antisemitismus meines Vaters kurz vor seinem Tod bemerkt. Er wurde in der Hitlerjugend erzogen und hat selbst keine Kriegshandlung begangen als weißer Jahrgang wurde er vom selbst morden verschont. Auch sonst in allen seinen öffentlichen Äusserungen ist ihm sein Antisemitismus nie anzumerken gewesen. Aber es waren wenige Monate vor seinem Tod, als er 2008 am Telefon mir was vom jüdischen Weltkapital erzählte und dessen Verschwörung und ich erschrak. Er war durchaus ein intelligenter Mann und das ist vielleicht das, was mich am meisten daran schockierte. Und ja ich liebe meinen Vater und auch meine Großmutter noch immer, aber ich gehe mit ihren heimlichen Ansichten nicht konform. Nun kann ich von diesen inneren Familienansichten über den nach aussen gewendeten guten Deutschen natürlich nicht ein Pauschalurteil über alle Deutschen machen. Aber in der AfD oder der deutschen Mitte bricht sich für meine Begriffe hier nur der vergrabene böse Deutsche Bahn, der die ganze Zeit da war.

Aber nun zu der anderen Seite der Medaille, die Motivation ein gutes Bild zu machen und zum guten Deutschen gehören zu wollen, ist nach außen dann doch so groß, dass Kritik an Juden, Fremden oder Ausländern sich nicht gehört. Teilweise sind Kinder von ihren Eltern so erzogen worden und betrachten sich vielleicht wirklich als gut. Aber es mag eben nicht intrinsich gut sein aus der moralischen festen Überzeugung heraus und philosophisch gebildeten Werten. Es ist ein erzogenes Messer und Gabel benutzen. Und hier kommt eben auch ins Spiel, dass sich Kritik an dem Fremden verbietet. Die haben eben gut zu sein. Begründen können diese das dann nicht, im Gegenteil, wenn man solche Menschen dazu auffordert, warum die Kritik an diesem oder jenen Syrer schlecht sein sollte, dann wird eine sachliche Auseinandersetzung nicht möglich sein. Dann wird man von diesen Guterzogenen in die Ecke der AfD gestellt. Genau daran zeigt sich für mich auch, dass diese nur die andere Seite der Medaille sind. Die sachliche Aufklärung die Katrin Hilger, da von der Politik fordert, war gar nicht möglich. Wir haben immer noch Verletzungen des zweiten Weltkrieges, die sich bis heute fortplanzen und sei es darin radikal gut sein zu wollen. Dabei ist das Gute nicht alleine das, was man so tut. Flüchtlingen zu helfen ist sicherlich nobel. Aber das alleine reicht nicht aus. Das Gute zu wollen ist eben letztlich mehr. Es braucht ein Fundament und nicht nur eine Erziehung.

Insofern hat Kartrin Hilger zwar Recht mit dem was hätte getan werden müssen, beleuchtet aber nicht, warum wir in unserer Republik unfähig sind es zu tun.